Erfahrungsberichte

 « Meine suchtbelastete Familie » – Michel Sutter

Mich hat es sozusagen doppelt erwischt. Sowohl Mutter als auch Vater hatten ein Alkoholproblem. Kaum konnte ich allein und ohne Stützräder Velo fahren, wurde ich für die Stoffbeschaffung eingesetzt. Anfangs waren es noch zwei Flaschen Bier und zwei Pack Zigaretten. Im Zuge meiner körperlichen Entwicklung steigerte sich die Quantität der elterlichen Bestellung. Ob im Dorfladen oder im Restaurant Sonne, wo oft noch Nachbarn oder Arbeiter meines Vaters zugegen waren, geschämt habe ich mich ausnahmslos.

Wir waren zu zweit. Ich habe einen älteren Bruder. Sein Leben verläuft anders, schwierig. Aber ich werde hier primär über meine eigenen Erfahrungen berichten.

Von Anfang an begleitete mich die Angst vor einem blutigen Ende unserer Familie. Beim ersten Suizidversuch meines Vaters war ich vier Jahre alt und verstand nicht, was da geschehen war, wohl aber, dass es etwas ganz schlimmes gewesen sein musste. Die Sache wurde unter den Teppich gekehrt. Zwar waren Polizei, Mitarbeiter der Gemeinde und das Militär in die Angelegenheit involviert, mein Vater hatte nämlich sein Armee-Sturmgewehr benutzt. Trotzdem verblieb dieses Sturmgewehr bis zum Zeitpunkt seiner Ausmusterung und meines Wissens noch wesentlich länger, am selben Platz im Keller unseres grossen Einfamilienhauses. Das Sturmgewehr im Keller, eines
meiner vielen latenten Traumata. Irgendwann muss es weg gekommen sein, denn für seinen zweiten und diesmal erfolgreichen Suizidversuch benutzte mein Vater das Sturmgewehr meines Bruders. Mit 4-Schuss-Magazin. Ich war damals 20.


Oberstes Gebot in unserer Familie: Die Nachbarn sollen nichts erfahren

Meine Eltern waren psychisch krank. Meine Eltern waren alkoholkrank. Meist fanden Alkoholexzesse, Gewaltvorfälle und teils hilferufende, teils ernst gemeinte Suizidversuche meiner Mutter hinter verschlossenen Türen statt. Hin und wieder drang etwas nach draussen, wurde sichtbar. Die Ambulanz vor dem Haus, das ramponierte Auto nach dem Restaurant-Besuch, wo wir Kinder uns geduldig bis zur Verzweiflung auf dem Spielplatz austobten.

Mein Bruder und ich, wir hatten keine Lobby. Selten wurden wir verprügelt, so dass Spuren zu sehen waren. Meine Mutter ging taktisch geschickt vor. Mein Bruder wurde wegen seines ungewöhnlichen Verhaltens in der Schule medizinisch, neurologisch und schulpsychologisch abgeklärt. Unser Familiensystem blieb unangetastet. Nahe Verwandte wussten Bescheid, nahmen
uns auf, wenn wir flüchten mussten. Den Gang zu Behörden schafften sie nicht. Heute weiss ich, sie waren überfordert.

Ich war der Sonnenschein, war sehr anpassungsfähig. Nur so konnte ich überleben, ohne seelisch zugrunde zu gehen. Permanent gegen aussen orientiert wusste ich, wer was von mir erwartete und wie ich zu sein hatte, damit man mich mochte und am Leben liess. Ein einziges Mal, kurz bevor ich
vor Angst den Verstand zu verlieren glaubte, vertraute ich mich einem Theologiestudenten an, der ein Praktikum in unserer Kirchgemeinde absolvierte. Ich traf ihn zufällig auf der Strasse. Ich erachtete es als Zeichen. Ich erzählte ihm von meinem Leiden. Er wünschte mir Kraft und alles
Gute. Unsere Wege trennten sich. Auch er war wohl überfordert und handelte diese Überforderung mit sich selber aus.

Einmal, ich war bereits in der Oberstufe, fälschte ich ein Zeugnis. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit meinen Leben so gut wie abgeschlossen. Mir schien dies die einzige Lösung, um wenigstens bis zum nächsten Zeugnis weiterleben zu dürfen. Natürlich flog alles auf. Ich überlebte, körperlich fast unversehrt, jedoch traumatisiert, einmal mehr. Lehrer und Eltern waren irritiert, konnten sich mein Verhalten nicht erklären. Zuhause gab es eine drakonische Strafe. Die Sache wurde unter den Teppich gekehrt, das Zeugnis neu ausgedruckt. Was nicht erklärt werden konnte, wurde übergangen. Der Lehrer hat mir nie Fragen gestellt, nie ein Wort darüber verloren.

Ich bin mittlerweile versöhnt mit meiner Vergangenheit, die mich selber in die Sucht trieb. Im Alkohol fand ich Entlastung von der latenten Todesangst. Die innere Anspannung war vorübergehend unter Kontrolle zu kriegen. Später kamen Drogen dazu, irgendwann IV-Konsum, um mich immer mehr von mir selber zu entfremden und die Traumata Traumata sein zu lassen. Das liegt hinter mir. Unzählige Entzüge, Klinikaufenthalte, Haftstrafen und Langzeittherapien später lebe ich noch immer, und zwar gut!


Was ich Fachleuten ans Herz legen möchte

Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen haben wohl ausnahmslos ein Vertrauensproblem. Trotzdem oder genau deshalb: Ein bedürftig wirkendes Kind braucht eine Vertrauensperson (Lehrerperson, Klassenassistenz, Schulsozialarbeit). Bedenken Sie aber, dass auch in der Kind/Erwachsenen-Interaktion Sympathie und Antipathie eine Rolle spielen. Die Chemie sollte
stimmen, einigermassen. Manchmal ist Distanz notwendig, damit das Kind unbeschwerter berichten kann. Auch die Lehrperson einer anderen Klasse kann zur Vertrauensperson werden und behutsam auf das Kind zugehen. Mir hat damals eine Vertrauensperson gefehlt. Hätte ich im Alter von fünf, acht oder auch vierzehn Jahren mit jemandem offen über meine Situation reden können, so wäre mir vielleicht schon damals klar geworden, dass ich nicht die Verantwortung für das Wohl meiner Eltern und die Rettung meiner Familie zu tragen hatte. Wirklich erkannt und verstanden habe ich das erst dreissig Jahre später.

Es gibt Kindesschutzgruppen, interdisziplinäre Beratungsgremien. Nehmen Sie dieses Angebot in Anspruch, wenn eines ihrer Kinder sich dauerhaft seltsam verhält, sein Verhalten nicht einschätzbar ist. Verzweiflung, Überforderung und Loyalitätskonflikte sind erkennbar, wenn man genau hinschaut. Selten liegt die Problematik nur beim Kind allein. Das hätte man bei den Abklärungen meines Bruders erkennen können. Mir geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortlichkeiten.

Lassen Sie sich coachen, beraten. Überwinden Sie Ihren Stolz, wenn Sie an Ihre Grenzen gelangen oder weit darüber hinaus. Überforderung ist keine Schande, sofern Sie sie erkennen und sich Unterstützung holen. Kindesschutz bedeutet, Licht ins Dunkel von Familiensystemen zu bringen, behutsam, strategisch. Das Kind soll geschützt werden. Vertraut es sich Ihnen an, betrachten sie dies als Geschenk, nicht als Belastung. Gehen Sie taktisch geschickt vor, vermeiden Sie überstürztes Handeln. Denken Sie an mögliche Repressalien der Eltern gegenüber dem Kind, wenn offenkundig wird, dass es sich Hilfe gesucht hat. Vor allem aber schenken Sie Aufmerksamkeit, seien Sie wachsam, beobachten Sie und warten Sie ab, aber nicht zu lange.
Installieren Sie einen anonymen Sorgen-Briefkasten in der Schule. Reden Sie mit Ihren Schülern über Familiendynamiken, über Sucht, über Verantwortlichkeiten, über richtig und falsch.

Der Begriff KESB wird gelegentlich als Fluchwort verwendet. Früher gab es keine KESB. Da entschieden in ländlichen Gefilden der Metzger, der Spengler und die Tierärztin über Familienschicksale. Sie bildeten die Vormundschaftsbehörde. Diese Zeiten sind vorbei, zum Glück.

Schwer zu ertragen ist für mich die Aussage: „Ich wollte halt nichts falsch machen, darum habe ich mich raus gehalten!“ Die Grenzen zur unterlassenen Hilfeleistung sind fliessend. Erkennen sie ein kindliches Leiden, ein Flehen, ein wortloses Signal. Hören Sie hin. Setzen Sie sich damit
auseinander, auch auf die Gefahr hin, dass gar nichts ist. Lieber einmal zu oft Unterstützung anbieten, als einmal zu wenig.

Meine Geschichte soll Betroffenen Mut machen. Ihnen zeigen, dass sie es schaffen können und nicht alleine damit sind. Es soll ihnen Mut schenken, dass man trotz schwerer Kindheit ein glückliches Leben führen kann. Durch meine Geschichte bin ich der Mensch geworden, der ich heute bin. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Meine Geschichte sehe ich heute als Chance in meinem Beruf als Fachfrau/Betreuung, denn ich weiss wie wichtig es ist, dass ein Kind wirklich Kind sein kann. Ich möchte den Kindern das geben was mir damals gefehlt hat und darf dabei selber immer wieder ein Kind sein.


Alkohol – so schrecklich normal

Es ist die eine Droge die mich seit meiner Geburt begleitet. Eine Droge, die in der Schweiz bereits ab dem 16. Lebensjahr fast in jeder Ecke frei erhältlich ist: Ethanol – im Volksmund unter dem Namen Alkohol bekannt. In unserer Gesellschaft wird Alkohol nicht als Droge angesehen, er gehört dazu. Es ist selbstverständlich, dass flaschenweise Bier und Wein an Festlichkeiten getrunken wird. Was viele dabei vergessen, ist das durch den Alkohol viele Familien zerstört werden. Es kann sogar soweit kommen, dass man einen geliebten Menschen dabei verliert.

Wie sollte ich als Kind erkennen, dass es nicht normal war, wenn der Vater täglich flaschenweise Bier zu sich nahm? Ich kannte ihn nicht anders. Somit war es für mich normal und ich dachte mir nichts Böses dabei. Sein Erscheinungsbild entsprach nie dem, was man von einem Trinker erwartete. Er war nicht dicklich oder aufgedunsen, auch hatte er nie die bekannte Säufernase. Er war ein gut aussehender Mann. Zudem hatte ich eine sehr enge Beziehung zu ihm. Er war mein grosser Held, von ihm fühlte ich mich immer verstanden. Er gab mir die Liebe die ich als Tochter brauchte und er glaubte stets an mich.

Als ich die nötige Distanz von meinem Vater und meiner Geschichte bekam, wurde mir bewusst was ich als Kind erleben musste. Unter anderem wurde ich zu früh Erwachsen und übernahm zu viel Verantwortung. Die Unbeschwertheit und den nötigen Schutz, welches ein Kind benötigt fehlte mir damals.


Nicht kindgerecht

Heute empfinde ich es nicht als normal, dass mein Vater mich als Kind los schickte um Bier einzukaufen oder das Leergut in die Läden zurückzubringen. Ich weiss noch genau als das Jugendschutzgesetz zur Abgabe von Alkohol an Jugendliche geändert wurde. Ich feierte diesen Tag, war erleichtert und überglücklich. Ich musste mich nie mehr kaputt schleppen oder mich für das Besorgen der Droge schämen. Dabei ging es mir nicht nur um mich. Es war das Wissen, dass anderen Kindern aus suchtgeprägten Familien das Besorgen der Droge fortan erspart bleiben würde. Das gab mir damals viel Halt. Anderseits tat ich dies gerne für meinen Vater. Sind wir mal ehrlich, jedes Kind möchte seinen Eltern eine Freude bereiten.

Die Ausflugsziele an den Wochenenden mit meinem Vater waren nicht kindgerecht. Doch war es für mich damals normal den ganzen Samstag in Restaurants zu verbringen. Es war mein zweites Zuhause. Ich kannte sie alle, die Pächter, die Stammkunden und natürlich alle Säuferkollegen meines Vaters. Obwohl es oft langweilig war, genoss ich die Zeit mit meinem Vater. Ich sah es als meine Aufgabe ihn zu schützen. Ihn zu schützen, dass er im Vollrausch wieder sicher nach Hause kam und ihm nichts geschehen konnte. Die Rollen waren dabei völlig vertauscht ohne dass ich es bemerkte. Oft kam es vor, dass ich als achtjähriges Mädchen mein Vater stützend nach Hause begleitete.


Verurteilung in der Schule

In der Schule konnte ich nicht darüber sprechen. Durch das Bloßstellen durch die Lehrer und die Mitschüler verschloss ich mich immer mehr. Ich konnte nicht Vertrauen, denn ich spürte die Verurteilung gegenüber meiner Familie und mir. So sprach ich mit niemanden darüber, aus Angst vor Verurteilung und aus Angst, dass ich von zu Hause weg musste.
Eine Situation hat mich dabei sehr geprägt: Als wir mit der Klasse mit dem Zug unterwegs waren wollten einige Schüler in das Raucherabteil. Ich hab jedoch darum gebeten nicht in dieses Abteil zu sitzen, da es so grässlich nach Rauch stank. Der Lehrer sah mich an und sagte vor der ganzen Klasse, dass dies bei mir nicht mehr relevant wäre da ich immer so riechen würde. Durch solche Blossstellungen verlor ich den Respekt vor den Erwachsenen und konnte ihnen nicht mehr Vertrauen. Man entwickelt sogar eine Wut ihnen gegenüber. Es bestätigt einem, dass es besser ist einem Erwachsenen nicht zu vertrauen. Lieber sich selber vertrauen und mit niemanden darüber sprechen, es wird sowieso nur verurteilt. Die Folge davon ist aber, dass sich das noch mehr Kind verschliesst sich. Es fasst kein Vertrauen mehr und es wird immer schwieriger für das Umfeld, das Kind zu erreichen.


Trost durch Alkohol

Ehemann lösen konnte veränderte sich mein Leben. Der Bezug zu meinen Eltern änderte sich schlagartig. Ich war damals 13 Jahre alt und wünschte mir so sehr bei meinem geliebten Vater leben zu können, doch das war nicht möglich. Im Innern schien alles dunkel und leer zu sein. Nach Aussen setzte ich mir die Maske auf um fröhlich zu wirken. Ganz im heimlichen suchte ich mir meine eigene Sucht, das Ritzen. Es wurde mein Begleiter und Tröster.

Auch Alkohol trank ich in diesen jungen Lebensjahren nahezu wie Wasser, einfach um mich und mein Befinden zu betäuben. Vielleicht auch um mich dabei meinem Vater Nahe oder Verbunden zu fühlen. Ich hatte meine erste Alkoholvergiftung, es war Glück im Unglück. Ab diesem Moment realisierte ich, dass ich nicht den gleichen Weg gehen wollte wie mein Vater.

Heute habe ich eine Abneigung dem Alkohol gegenüber. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand neben mir sein Bier trinkt. Jedoch fällt es mir schwer, wenn sich jemand besäuft. Der Geruch von Alkohol, das Verhalten und die Veränderung eines Menschen, ja das kann mich heute noch aus der Fassung bringen.

Es gab eine Zeit, da arbeitete ich als Kellnerin. Nach kurzer Zeit gab ich den Beruf wieder auf. Zu vertraut war alles und ich hatte Mühe damit, dass ich die Sucht unterstützte. Ich musste das Bierglas ständig auffüllen, obwohl der Gast nicht mehr in der Lage war, richtig stehen zu können. Auch ethisch konnte ich nicht mehr dahinter stehen. Ich wollte nichts mehr mit dem Thema Alkohol zu tun haben, zu sehr wühlte es mich auf.


Schuldgefühle und Tod des Vaters

Ich habe auch eine Zeit lang den Kontakt zu meinem Vater bewusst abgebrochen. Ich konnte und wollte nicht länger zusehen wie er sich selbst zerstörte. Dazu kam, dass ich selber schon ein Kind hatte und wollte meinen Sohn vor ihm schützen. Ich tat mich mit dem Kontaktabbruch schwer und zugleich tat es mir gut. Lange Zeit hatte ich mit Schuldgefühlen zu kämpfen und hatte das Gefühl, eine schlechte Tochter zu sein. Mein Halt damals wie auch heute ist meine kleine Familie, mein ganzer Stolz. Sie ist das Beste was mir passieren konnte und ich bin unendlich dankbar dafür.

Kurz vor dem Tod meines Vaters sagte er mir er wolle jetzt endlich damit aufhören. Wie oft hörte ich diesen Satz: Ich werde in den Entzug gehen und endlich damit aufhören! Geschafft hatte er es jedoch nie. Doch dieses Mal hatte ich grosse Hoffnung. Er wollte aufhören, denn um seine Leber stand es nicht gut. Trotz meiner Euphorie und Hoffnung wollte ich keinen Kontakt. Wie schlecht es um ihn damals stand, war mir nicht bewusst. Ich dachte mir nichts dabei, dass mein geliebter Vater bald nicht mehr unter uns sein würde.

Und da kam er, der Anruf, vor dem ich mich immer fürchtete. Am Telefon meine Mutter mit den Worten: Dein Papa liegt im Sterben. Im ersten Moment dachte ich es sei mein Opa. Danach realisierte ich, dass es sich um meinen Vater handelte. Ich war innerlich tot. Doch ich wusste, dass es für ihn eine Erlösung sein würde. Ich wollte meinen Vater nochmals ein aller letztes Mal sehen. Da lag er, völlig abgemagert, nicht ansprechbar, ja schon fast scheintot vor uns. Ich nahm seine Hand und sagte ihm wie sehr ich ihn liebe. Es kam keine Reaktion, da wurde mir bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hatte.

Einen Tag nach meinem Besuch verlor ich mit 18 Jahren meinen geliebten Vater, gestorben an den Folgen des Alkoholkonsums. Mein geliebter Vater, mein Held, er wurde nur zarte 44 Jahre jung. Für mich war dies eine schwierige Zeit. Ich war wütend auf mich, auf das Leben und auf meinen Vater. Warum hat er sich das angetan? Warum zerstörte er sich selber? Und warum hatte er es nie geschafft vom Alkohol wegzukommen?

Doch heute trage ich keine Wut mehr in mir. Ich habe mit mir Frieden geschlossen und versucht, es zu verstehen. Ich kann meinem Vater nicht böse sein, denn seine Eltern waren auch Alkoholiker und er verfiel bereits mit 12 Jahren dem Alkohol. Die Tragik, niemand hatte es gesehen oder erkannt. Es war einfach zu spät.

Heute weiss ich, dass mein Vater auch ein Löwenzahnkind ist, welches nie gehört wurde.

Videosequenzen: Ein Elternteil von dir trinkt zuviel?​

Lange Version

Dokumentarfilm « Trinkerkinder – Der lange Schatten alkoholkranker Eltern »

Die Behörden waren nicht da, wenn sie gebraucht wurden

Noch heute ich von allen damals involvierten Behördenstellen schwer enttäuscht. Ich hatte eigentlich immer einen Vormund, und die Vormundschaftsbehörde war über die misslichen Umstände informiert. Die Polizei war wöchentlich im Noteinsatz bei uns, wenn meine Mutter alkoholisiert austickte. Sie sahen, dass alles kreuz und quer lag, dass Messer herumlagen, dass Bierflaschen überall leer herumstanden. Sie holten meine Mutter ab, steckten sie in die Ausnüchterungszelle und weiter kümmerten sie sich nicht um die Situation. Ich blieb oft alleine zurück, vor allem auch dann, als mein Halbbruder mit sieben Jahren im Waisenhaus untergebracht wurde. Das ging nur, weil sein Vater die volle elterliche Gewalt über ihn hatte. Meine Mutter wurde zwangseingewiesen, da bekam ich einen Beistand der Vormundschaftsbehörde und mein Stiefvater die volle elterliche Gewalt über meinen Halbbruder.
Die Behörden arbeiten nur von Montag bis Freitag zu den üblichen Geschäftsöffnungszeiten. Nun, es liegt offenbar in der Natur der Sache, dass die Notfälle immer ausserhalb der Geschäftszeiten passieren, also abends, nachts, am Samstag und am Sonntag. Die Polizei hatte offenbar dazumal nur den Auftrag die «gefährliche» Person zu verwahren. Wie das heute ist, weiss ich nicht.

Das wissende Umfeld muss eingreifen

Das Umfeld, also die Privatpersonen wussten um die Umstände bei uns zuhause sehr gut Bescheid. Sie bekamen das auch oft mit. Wenn wir bei meiner Patin, bei Freunden oder bei meiner Grossmutter waren, war meine Mutter genauso ungehalten, oft konnte sie sich interessanterweise etwas besser im Zaun halten. Aber die Situation eskalierte häufig, und wir mussten fluchtartig gehen. Sie versuchten schon zu helfen, aber auf eine Art, dass es für sie aus meiner heutigen Sicht nicht zu unbequem wurde. Irgendwie verstehe ich das, andererseits hat mich das auch immer wieder enttäuscht. Vielleicht wussten sie auch nicht, wo sie sich hinwenden könnten. Ich wäre froh gewesen, sie wären manchmal dazwischen gegangen. Sie waren ja nie alleine bei uns, meistens zu zweit oder zu viert und mein Stiefvater war auch noch dabei. Gut, manchmal waren ihre Kinder dabei. Die wollten sie nicht gefährden, was ich sehr gut verstehen kann. Aber sie fragten kaum, wie sie helfen oder was sie tun können. Es gab einzelne Versuche: Der Pate meines Halbbruders wollte z.B. meinen Halbbruder zu sich nehmen, aber da sperrte sich mein Stiefvater dagegen. Vielleicht hatte er Angst, ihn zu verlieren. Mein Vater nahm mich auch zwei Mal zu sich. Aber meine Mutter wehrte sich massiv, und mein Vater hatte von der Vormundschaftsbehörde keine grosse Hilfe. Sie glaubten sogar meiner Mutter, wenn sie sagte, dass es mir beim Vater schlecht gehen würde.
Meine Verwandten in den Niederlanden waren mehrmals im Jahr in der Schweiz und wir in den Niederlanden. Immer wieder kam es wegen meiner alkoholisierten Mutter zu Situationen, in denen wir oder sie einfach abreisen mussten. Mein Grossonkel hatte Probleme mit dem Herzen und niemand wollte sein Leben gefährden. Sie unterstützten uns vor allem auch immer wieder finanziell und schlichteten, wo sie konnten. In der Schweiz kannten sie sich mit Hilfsstellen leider nicht aus.
Ich war immer wieder in den Niederlanden, weil ich meiner Mutter zuviel war. Später bereuten meine Grosstante und mein Grossonkel es, dass sie mich nicht schon früher zu sich geholt hatten. Aber sie waren im Alter meiner Grossmutter und wussten auch nicht, wie lange sie gesund bleiben würden.
Ich mache dem privaten Umfeld keine Vorwürfe, denn dazumal waren die Triagen noch nicht so ausgebaut wie heute. Obwohl ich auch heute nicht sicher bin, wie viele Familienangehörige sich tatsächlich um die elenden Zustände von betroffenen Kindern kümmern.

Vorbeikommen und unterstützen

Von allen, von den Verwandten, Grossmüttern, Bekannten, Behörden hätte es einfach die Courage gebraucht, einzugreifen. Ich meine nicht, die Kinder aus dem Umfeld zu nehmen, da die Betroffenen dies nie wollen. Aber ich hätte mehr Auszeiten sehr gebrauchen können: Wochenenden, um mich zu erholen, Ferien, die ich sorglos hätte geniessen können. Ganz wichtig wären Stellen gewesen, wo ich hätte anrufen können und von wo dann auch jemand kommt und einem einfach unter die Arme greift. Oder auch die Nachbetreuung nach dem Polizeieinsatz, wo bei uns die Mutter abgeholt wurde, und wir Kinder danach einfach alleine dastanden. Wie froh wären wir gewesen, jemanden bei uns zu haben, der geholfen hätte, das Chaos aufzuräumen, uns in die Arme genommen hätte, uns zugehört hätte. Aber da war niemand. Ich weiss, dass es ein Kindersorgentelefon gibt. Aber kommt da auch jemand vorbei? Kinder, die fast tagtäglich in solchen Situationen sind, brauchen viel Liebe, Zuspruch, Anerkennung (wie eigentlich alle Kinder, aber noch etwas mehr). Die meisten sind nicht in einer Therapie.

Die Spirale stoppen!

Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen scheint mir einfach auch immer wieder wichtig, dass viele der schwer traumatisierten Kinder später selber schwer psychisch erkranken oder gar selber süchtig werden. So dreht sich die Spirale immer weiter. Es wäre so schön, wenn man vielleicht einen kleinen Teil dieser Kinder auffangen könnte, damit sie als Erwachsene nicht weiter leiden müssen.
Suna Lommen, 9. Dezember 2019

Buch:
Suna Lommen: Es ist Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen
August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt, 2016.
ISBN 978-3-8372-1826-8

 

Was hätte ich mir in meiner damaligen Situation gewünscht?

Es wird zu lange weggeschaut, bis es eskaliert und das Kind buchstäblich aus der Familie gerissen wird. Dieses Trauma könnte durch frühzeitige gute Zusammenarbeit und Betreuung des Kindes oftmals verhindert werden. Was hätte ich mir in meiner damaligen Situation gewünscht? Was könnte verbessert werden?
• Bessere Schulung der Fachleute im Umgang mit Kindern von drogensüchtigen Eltern (es gibt so vieles zu beachten)
• Bessere Zusammenarbeit und Kommunikation mit allen Beteiligten
• Therapiemöglichkeiten als Familie

• Bessere Unterstützung für die Kinder, z.B.
o um zu lernen, sich abzugrenzen, auch von Schuldgefühlen: Dass man als Kind nicht die Verantwortung der Eltern trägt
o mehr das Gefühl zu erhalten, geliebt zu sein, mehr bestärkt werden im eigenen Sein und Können (betroffene Kinder zweifeln oft an sich selber,    haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein)
o in der Schule: Oft höre ich, das Kind solle lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Wie soll es dies lernen, wenn es die Verantwortung der Eltern übernommen hat?

• Mehr Vertrauensbeziehungen, auch im Heim: Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass der ständige Wechsel der Betreuer für Kinder und Jugendliche  nicht einfach ist
• Strengere Kontrolle des Heims durch die Behörden (auch Besuche ohne Voranmeldung)
• Mehr Unterstützung für die Eltern (Hausaufgabenhilfe, Haushalt, Tagesmutter)
• Bessere Therapiemöglichkeiten für suchtkranke Eltern: Nach einem Entzug sollte eine bessere und längere Begleitung stattfinden
• Dass weniger auf diejenigen Eltern Rücksicht genommen wird, die ihr Leben nicht ändern wollen: Kinder sind in der Situation völlig ausgeliefert und können nicht fliehen!

Meine Geschichte: Ist ein Kinderheim wirklich besser?

Meine Schwester (damals 3-jährig) und ich (damals 6-jährig) kamen auf Grund einer Gefährdungsmeldung in ein sehr religiöses Kinderheim. Die Meldung stammte von meiner Grossmutter, sie hatte in der Folge oft damit zu kämpfen, ob es die richtige Entscheidung war. Denn die Zeit im Kinderheim war die Hölle: Ohne Liebe und ohne Vertrauen wuchsen wir auf, hingegen wurden wir oft geschlagen und schrecklich bestraft.
Viele derjenigen, die mit mir im Heim gewesen waren haben dann denselben Drogen-Weg wie ihre Eltern eingeschlagen oder sind bereits gestorben. Auch meine Schwester konnte mit dem Erlebten nicht umgehen und betäubt sich heute mit harten Drogen.
In unserem Fall weiss ich nicht wo unser Leben besser verlaufen wäre: Zuhause bei meinen Eltern wo wir immer auch Liebe bekamen oder im Kinderheim.

Ich musste meine Mutter melden…

Als ich 18 Jahre alt war wurde meine Mutter nochmals von einem anderen Mann schwanger und ich bekam eine zweite Schwester. Leider wiederholte sich die Geschichte, und es wurde so schlimm, dass ich eine Meldung machen musste.
Es war ein schwerer Entscheid, und doch musste ich es tun: Zu lange hatte ich zugeschaut und versucht, sie zu unterstützen. Ich musste die Tatsache akzeptieren, dass sie mich dafür hasste oder sich etwas antun könnte. Das Wohlergehen meiner Schwester war mir wichtiger und es war die beste Entscheidung. Sie hat bei ihrer langjährigen Tagesfamilie, wo sie sich zuhause, geborgen und geliebt fühlt, einen Platz gefunden.

Eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen: Tagesablauf mit einer alkoholkranken Mutter – Erfahrungsbericht (hauptsächlich das Alter zwischen 9 und 16 Jahren betreffend)

Ich wecke mich morgens selber, mache mein Frühstück alleine, dann gehe ich zur Schule.

Mittags ist es unterschiedlich: Manchmal ist niemand zuhause, dann muss ich mein Mittagessen alleine zubereiten mit dem, was da ist. Manchmal ist meine Mutter zu Hause, aber schon total betrunken und hört laute Musik, telefoniert, oder schreit mich grundlos an. Ich habe von Anfang an Angst, weil ich nicht weiss, was jetzt noch alles kommt… Ich muss selber schauen, wann ich wieder in der Schule sein muss. Manchmal muss ich meine Mutter massieren, ihre Füsse feilen, Brot und Bier holen, dann wieder in die Schule. Manchmal gibt es nichts zu essen.

Ihre Wut kommt in der Regel plötzlich, ihre Schläge sind grundlos, dazu paranoide Gedanken, dass ich mit anderen Menschen gegen sie sein oder sie verraten könnte. Sie ist mir gegenüber völlig unkontrolliert, ihre Handlungen grundlos.

Ich muss selber für mein Nachtessen schauen. Da sie so laut ist, ist es für mich schwierig, Hausaufgaben zu machen. Vor allem kann und will sie mir nicht helfen. Sie weiss gar nicht, was ich für Prüfungen habe. Es ist durch diese laute Musik auch schwierig, sich zu konzentrieren. Ich bin oft verzweifelt, weil es immer wieder um die Versetzung in die nächste Klasse geht. Wir ziehen viel um. Ich habe immer sehr schlechte Noten in der Schule, habe keine Freunde, denn ich kann und darf nie jemanden nach Hause nehmen. Ich kann keine Geburtstagsfeier bei mir zuhause machen.

In der Freizeit, in der andere sich treffen, spielen, irgendwo hingehen, mache ich den Haushalt. Ich putze, wasche, kaufe Kleinigkeiten ein. Ich muss selber für meine Hygiene schauen. Selber schauen, wann ich frische Kleider anziehe. Dabei habe ich aber nur zwei Pullover im Winter zur Verfügung, muss auch immer die Kleider meiner Mutter nachtragen. Ich habe keine Jeans, nur Stoffhosen. Sie trägt Levi’s, Wrangler, Lee Cooper, geht zum Coiffeur. Mir schneidet sie die Haare im Suff. Es ist zu teuer. Die Menstruation ist für sie etwas Schmutziges. Ich erfahre erst später in der Schule, warum ich das habe.

Vor allem abends eskaliert die Situation ständig. Manchmal geht sie einfach weg, schliesst mich ein. Ich habe Panik, weil ich nicht weiss, wann sie wiederkommt. Manchmal lässt sie meine Türe auch offen. Obwohl sie verheiratet ist (mein Stiefvater aber viel auf Geschäftsreise ist) sind immer fremde Männer bei uns zu Hause. Sie schleichen morgens heimlich raus.

Sie ist peinlich, rennt manchmal nackt, schreiend aus dem Haus. Die Polizei wird gerufen. Sie wird zwangseingewiesen, eine sogenannt «Fürsorgliche Unterbringung».

Wenn sie in der Klinik ist, ist das für mich „wie Ferien“, aber ich besuche sie täglich nach der Schule in der geschlossenen Abteilung. Wie ein Roboter läuft sie durch die Gänge und wartet, bis ich komme. Sie spricht nichts, weil sie viele Psychopharmaka eingenommen hat. Manchmal hat sie Kurzaufenthalte, dann sind die Intervalle klein, bis sie wieder eingeliefert wird, manchmal länger, in denen ich mich etwas erholen kann. Ich kann nachts nie ruhig schlafen.

Die Nacht ist für mich täglich eine Herausforderung: Plötzlich platzt sie total betrunken ins Zimmer, meistens aggressiv und unkontrolliert. Ich habe unglaublich Angst, weil ich nicht weiss, was sie mir antut. Schlägt sie mich, kommt sie mit dem Hammer oder Messer auf mich los?

Mit zunehmendem Alter muss ich sie jeweils in der Kneipe nach Wirteschluss holen. Sie sträubt und wehrt sich. Betrunken pöbelt sie mich und alle anderen Menschen an, was für mich sehr peinlich ist. Es ist niemand da, der mir hilft. Zuhause bin ich wieder mit ihr alleine. Sie ist total unberechenbar.

Wenn sie Bier mit Schnaps und Benzodiazepinen kombiniert, dann erbricht sie, fällt zusammen, und ich muss das Erbrochene aufputzen. Den Notarzt rufen, weil sie so Kopfschmerzen hat. Sie helfen ihr, mir aber nicht.

Es ist eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen. Keine Sicherheit, keine Stabilität, viel Angst.

Suna Lommen, 24. November 2018

Kinder, die mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen, sind vielen Belastungen ausgesetzt. Die Krankheit bestimmt den Alltag und vereinnahmt die Eltern. Die nationale Aktionswoche vom 11.-17. Februar gibt betroffenen Kindern eine Stimme. Landauf, landab haben Suchtfachstellen Anlässe auf die Beine gestellt. Ein Blick nach Bern.

Was sie sagt, kontrastiert zur ruhigen Art, wie sie es sagt. Sandra (Name geändert) spricht überlegt, sie erzählt ihre Geschichte nicht zum ersten Mal. Was sie zu sagen hat, geht einem unter die Haut. «Der Alkohol veränderte meinen Vater. Ich war es mir gewohnt, dass er plötzlich aggressiv wurde und zeitweise zuschlug», sagt die heute 48-Jährige vierfache Mutter. Die schwierige Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer psychisch kranken Mutter ist Teil ihrer Biografie – ein Teil, der sie im späteren Leben einholte. Vor zwölf Jahren erlitt sie eine Depression. Dank guter Unterstützung fand sie zurück ins Leben. Es ist ihr ein Anliegen, ihre Erfahrungen weiter zu geben, das schwierige Thema anzusprechen, damit Alkoholprobleme in der Familie nicht länger ein Tabu bleiben. Deshalb hat sie auch die Ausbildung zur Genesungsbegleiterin (auch Peers genannt) gemacht. Peers sind Menschen, die Erfahrungen mit ihrer Erkrankung und ihrem Genesungsweg anderen Betroffenen als Hilfe zur Verfügung stellen. Sie liebt ihre Arbeit und den Kontakt mit Kindern und Familien – als Kindergärtnerin sowie auch in ihrer Tätigkeit als Peer.

Von aussen die perfekte Familie

«Als Kind vermisste ich die Unbeschwertheit und dass mir jemand die Verantwortung abgenommen hätte». Ausserhalb des engsten Familienkreises ahnte niemand von der Not der Kinder, der unberechenbaren Stimmung, den Ausbrüchen des Vaters. Sandra und ihr Bruder kannten nichts Anderes. Der Vater war ein angesehener Geschäftsmann und gegen aussen wirkte die Familie intakt. Die kleine Sandra hat sich angepasst, hat ausgeglichen und wollte zwischen den Eltern vermitteln. Sie versuchte, mit ihren Sorgen zurecht zu kommen. Das Trinken des Vaters hat sie gegen aussen nicht angesprochen. In ständiger Alarmbereitschaft hatte sie immer wieder Angst, dass der Vater ihrer Mutter etwas antun könnte. «Er war selber ein Kind eines alkoholabhängigen Vaters und er wollte alles selber schaffen. Hilfe zu holen, kannte er nicht», erklärt Sandra, die ihren Vater fürchtete und gleichzeitig liebte. Er starb früh an den schweren Folgen der Alkoholsucht.

Aktionswoche will Kindern eine Stimme geben

Während der nationalen Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern vom 11.-17. Februar spricht Sandra über ihre Geschichte. Sie tat dies in Bern im Rahmen der Ausstellung Sicht auf Sucht im Kulturzentrum Progr. Gut 170 Berufsschülerinnen und -schüler besuchen die Ausstellung während der Aktionswoche, sagt Iwan Reinhard von der Stiftung aebi-hus am Medien Z’Morge mit Gemeinderätin Franziska Teuscher, die das Matronat der Aktionswoche in Bern innehält. Die Berner Veranstaltungen finden als Kooperation verschiedener Fachinstitutionen statt. Das Engagement für betroffene Familien zu vernetzten, ist äusserst wichtig – darin sind sich die Fachleute einig.
Auch andere Betroffene blicken in ihre schwierige Kindheit zurück. Sie sind nicht allein. Schätzungen zufolge wachsen 100’000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Nur eine Minderheit der betroffenen Eltern sind in Behandlung und noch weniger Kinder werden frühzeitig unterstützt. «Der Nachholbedarf ist noch gross», erklärt Renate Bichsel. Die Psychologin und Psychotherapeutin hat pro Jahr Einblick in etwa 15 Familien. Die Arbeit mit Kindern aus suchtbetroffenen Familien im Auftrag des Blauen Kreuzes liegt ihr am Herzen. «Die Kinder sind dankbar für die Offenheit und sie sind froh, über die Situation zu Hause sprechen zu können», betont Renate Bichsel. Es sei wichtig, mit den Kindern die Schwierigkeiten und Nöte zu benennen und sie so zu entlasten. Es bräuchte noch mehr Angebote für diese Kinder, sagt die Fachfrau. Gleichzeitig sei es schwierig, diese Kinder zu erreichen. Dies gelingt meist nur, wenn der suchtkranke Elternteil in Behandlung ist und die Situation des Kindes zur Sprache kommt oder wenn der nicht suchtkranke Elternteil fachliche Unterstützung für das Kind holt.

«Es war eine Kindheit in Alarmbereitschaft».
«Als Kind übernahm ich viel zu viel Verantwortung und wollte die Familie zusammenhalten».
«Ich vermisste die Unbeschwertheit». (Sandra (48), Name geändert)
«Die Eltern ahnen oft nicht, wie stark die Kinder leiden». (Renate Bichsel, Beraterin)
«Die Kinder sind angepasst und die Eltern sind von den eigenen Problemen stark vereinnahmt». (Renate Bichsel)

 

Ein Wohnzimmer im fahlen Morgenlicht. Kinderspielzeug und Alkoholflaschen fallen ins Auge. Die Ausstellung «Sicht auf Sucht» in Bern zeigt, was für 100’000 Kinder daheim Realität ist.

Erklärungen in Wort und Schrift.