Erfahrungsberichte

Videosequenzen: Ein Elternteil von dir trinkt zuviel?​

Lange Version

Dokumentarfilm « Trinkerkinder – Der lange Schatten alkoholkranker Eltern»

Die Behörden waren nicht da, wenn sie gebraucht wurden

Noch heute ich von allen damals involvierten Behördenstellen schwer enttäuscht. Ich hatte eigentlich immer einen Vormund, und die Vormundschaftsbehörde war über die misslichen Umstände informiert. Die Polizei war wöchentlich im Noteinsatz bei uns, wenn meine Mutter alkoholisiert austickte. Sie sahen, dass alles kreuz und quer lag, dass Messer herumlagen, dass Bierflaschen überall leer herumstanden. Sie holten meine Mutter ab, steckten sie in die Ausnüchterungszelle und weiter kümmerten sie sich nicht um die Situation. Ich blieb oft alleine zurück, vor allem auch dann, als mein Halbbruder mit sieben Jahren im Waisenhaus untergebracht wurde. Das ging nur, weil sein Vater die volle elterliche Gewalt über ihn hatte. Meine Mutter wurde zwangseingewiesen, da bekam ich einen Beistand der Vormundschaftsbehörde und mein Stiefvater die volle elterliche Gewalt über meinen Halbbruder.
Die Behörden arbeiten nur von Montag bis Freitag zu den üblichen Geschäftsöffnungszeiten. Nun, es liegt offenbar in der Natur der Sache, dass die Notfälle immer ausserhalb der Geschäftszeiten passieren, also abends, nachts, am Samstag und am Sonntag. Die Polizei hatte offenbar dazumal nur den Auftrag die «gefährliche» Person zu verwahren. Wie das heute ist, weiss ich nicht.

Das wissende Umfeld muss eingreifen

Das Umfeld, also die Privatpersonen wussten um die Umstände bei uns zuhause sehr gut Bescheid. Sie bekamen das auch oft mit. Wenn wir bei meiner Patin, bei Freunden oder bei meiner Grossmutter waren, war meine Mutter genauso ungehalten, oft konnte sie sich interessanterweise etwas besser im Zaun halten. Aber die Situation eskalierte häufig, und wir mussten fluchtartig gehen. Sie versuchten schon zu helfen, aber auf eine Art, dass es für sie aus meiner heutigen Sicht nicht zu unbequem wurde. Irgendwie verstehe ich das, andererseits hat mich das auch immer wieder enttäuscht. Vielleicht wussten sie auch nicht, wo sie sich hinwenden könnten. Ich wäre froh gewesen, sie wären manchmal dazwischen gegangen. Sie waren ja nie alleine bei uns, meistens zu zweit oder zu viert und mein Stiefvater war auch noch dabei. Gut, manchmal waren ihre Kinder dabei. Die wollten sie nicht gefährden, was ich sehr gut verstehen kann. Aber sie fragten kaum, wie sie helfen oder was sie tun können. Es gab einzelne Versuche: Der Pate meines Halbbruders wollte z.B. meinen Halbbruder zu sich nehmen, aber da sperrte sich mein Stiefvater dagegen. Vielleicht hatte er Angst, ihn zu verlieren. Mein Vater nahm mich auch zwei Mal zu sich. Aber meine Mutter wehrte sich massiv, und mein Vater hatte von der Vormundschaftsbehörde keine grosse Hilfe. Sie glaubten sogar meiner Mutter, wenn sie sagte, dass es mir beim Vater schlecht gehen würde.
Meine Verwandten in den Niederlanden waren mehrmals im Jahr in der Schweiz und wir in den Niederlanden. Immer wieder kam es wegen meiner alkoholisierten Mutter zu Situationen, in denen wir oder sie einfach abreisen mussten. Mein Grossonkel hatte Probleme mit dem Herzen und niemand wollte sein Leben gefährden. Sie unterstützten uns vor allem auch immer wieder finanziell und schlichteten, wo sie konnten. In der Schweiz kannten sie sich mit Hilfsstellen leider nicht aus.
Ich war immer wieder in den Niederlanden, weil ich meiner Mutter zuviel war. Später bereuten meine Grosstante und mein Grossonkel es, dass sie mich nicht schon früher zu sich geholt hatten. Aber sie waren im Alter meiner Grossmutter und wussten auch nicht, wie lange sie gesund bleiben würden.
Ich mache dem privaten Umfeld keine Vorwürfe, denn dazumal waren die Triagen noch nicht so ausgebaut wie heute. Obwohl ich auch heute nicht sicher bin, wie viele Familienangehörige sich tatsächlich um die elenden Zustände von betroffenen Kindern kümmern.

Vorbeikommen und unterstützen

Von allen, von den Verwandten, Grossmüttern, Bekannten, Behörden hätte es einfach die Courage gebraucht, einzugreifen. Ich meine nicht, die Kinder aus dem Umfeld zu nehmen, da die Betroffenen dies nie wollen. Aber ich hätte mehr Auszeiten sehr gebrauchen können: Wochenenden, um mich zu erholen, Ferien, die ich sorglos hätte geniessen können. Ganz wichtig wären Stellen gewesen, wo ich hätte anrufen können und von wo dann auch jemand kommt und einem einfach unter die Arme greift. Oder auch die Nachbetreuung nach dem Polizeieinsatz, wo bei uns die Mutter abgeholt wurde, und wir Kinder danach einfach alleine dastanden. Wie froh wären wir gewesen, jemanden bei uns zu haben, der geholfen hätte, das Chaos aufzuräumen, uns in die Arme genommen hätte, uns zugehört hätte. Aber da war niemand. Ich weiss, dass es ein Kindersorgentelefon gibt. Aber kommt da auch jemand vorbei? Kinder, die fast tagtäglich in solchen Situationen sind, brauchen viel Liebe, Zuspruch, Anerkennung (wie eigentlich alle Kinder, aber noch etwas mehr). Die meisten sind nicht in einer Therapie.

Die Spirale stoppen!

Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen scheint mir einfach auch immer wieder wichtig, dass viele der schwer traumatisierten Kinder später selber schwer psychisch erkranken oder gar selber süchtig werden. So dreht sich die Spirale immer weiter. Es wäre so schön, wenn man vielleicht einen kleinen Teil dieser Kinder auffangen könnte, damit sie als Erwachsene nicht weiter leiden müssen.
Suna Lommen, 9. Dezember 2019

Buch:
Suna Lommen: Es ist Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen
August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt, 2016.
ISBN 978-3-8372-1826-8

 

Was hätte ich mir in meiner damaligen Situation gewünscht?

Es wird zu lange weggeschaut, bis es eskaliert und das Kind buchstäblich aus der Familie gerissen wird. Dieses Trauma könnte durch frühzeitige gute Zusammenarbeit und Betreuung des Kindes oftmals verhindert werden. Was hätte ich mir in meiner damaligen Situation gewünscht? Was könnte verbessert werden?
• Bessere Schulung der Fachleute im Umgang mit Kindern von drogensüchtigen Eltern (es gibt so vieles zu beachten)
• Bessere Zusammenarbeit und Kommunikation mit allen Beteiligten
• Therapiemöglichkeiten als Familie

• Bessere Unterstützung für die Kinder, z.B.
o um zu lernen, sich abzugrenzen, auch von Schuldgefühlen: Dass man als Kind nicht die Verantwortung der Eltern trägt
o mehr das Gefühl zu erhalten, geliebt zu sein, mehr bestärkt werden im eigenen Sein und Können (betroffene Kinder zweifeln oft an sich selber,    haben das Gefühl, nicht gut genug zu sein)
o in der Schule: Oft höre ich, das Kind solle lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen. Wie soll es dies lernen, wenn es die Verantwortung der Eltern übernommen hat?

• Mehr Vertrauensbeziehungen, auch im Heim: Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass der ständige Wechsel der Betreuer für Kinder und Jugendliche  nicht einfach ist
• Strengere Kontrolle des Heims durch die Behörden (auch Besuche ohne Voranmeldung)
• Mehr Unterstützung für die Eltern (Hausaufgabenhilfe, Haushalt, Tagesmutter)
• Bessere Therapiemöglichkeiten für suchtkranke Eltern: Nach einem Entzug sollte eine bessere und längere Begleitung stattfinden
• Dass weniger auf diejenigen Eltern Rücksicht genommen wird, die ihr Leben nicht ändern wollen: Kinder sind in der Situation völlig ausgeliefert und können nicht fliehen!

Meine Geschichte: Ist ein Kinderheim wirklich besser?

Meine Schwester (damals 3-jährig) und ich (damals 6-jährig) kamen auf Grund einer Gefährdungsmeldung in ein sehr religiöses Kinderheim. Die Meldung stammte von meiner Grossmutter, sie hatte in der Folge oft damit zu kämpfen, ob es die richtige Entscheidung war. Denn die Zeit im Kinderheim war die Hölle: Ohne Liebe und ohne Vertrauen wuchsen wir auf, hingegen wurden wir oft geschlagen und schrecklich bestraft.
Viele derjenigen, die mit mir im Heim gewesen waren haben dann denselben Drogen-Weg wie ihre Eltern eingeschlagen oder sind bereits gestorben. Auch meine Schwester konnte mit dem Erlebten nicht umgehen und betäubt sich heute mit harten Drogen.
In unserem Fall weiss ich nicht wo unser Leben besser verlaufen wäre: Zuhause bei meinen Eltern wo wir immer auch Liebe bekamen oder im Kinderheim.

Ich musste meine Mutter melden…

Als ich 18 Jahre alt war wurde meine Mutter nochmals von einem anderen Mann schwanger und ich bekam eine zweite Schwester. Leider wiederholte sich die Geschichte, und es wurde so schlimm, dass ich eine Meldung machen musste.
Es war ein schwerer Entscheid, und doch musste ich es tun: Zu lange hatte ich zugeschaut und versucht, sie zu unterstützen. Ich musste die Tatsache akzeptieren, dass sie mich dafür hasste oder sich etwas antun könnte. Das Wohlergehen meiner Schwester war mir wichtiger und es war die beste Entscheidung. Sie hat bei ihrer langjährigen Tagesfamilie, wo sie sich zuhause, geborgen und geliebt fühlt, einen Platz gefunden.

Eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen: Tagesablauf mit einer alkoholkranken Mutter – Erfahrungsbericht (hauptsächlich das Alter zwischen 9 und 16 Jahren betreffend)

Ich wecke mich morgens selber, mache mein Frühstück alleine, dann gehe ich zur Schule.

Mittags ist es unterschiedlich: Manchmal ist niemand zuhause, dann muss ich mein Mittagessen alleine zubereiten mit dem, was da ist. Manchmal ist meine Mutter zu Hause, aber schon total betrunken und hört laute Musik, telefoniert, oder schreit mich grundlos an. Ich habe von Anfang an Angst, weil ich nicht weiss, was jetzt noch alles kommt… Ich muss selber schauen, wann ich wieder in der Schule sein muss. Manchmal muss ich meine Mutter massieren, ihre Füsse feilen, Brot und Bier holen, dann wieder in die Schule. Manchmal gibt es nichts zu essen.

Ihre Wut kommt in der Regel plötzlich, ihre Schläge sind grundlos, dazu paranoide Gedanken, dass ich mit anderen Menschen gegen sie sein oder sie verraten könnte. Sie ist mir gegenüber völlig unkontrolliert, ihre Handlungen grundlos.

Ich muss selber für mein Nachtessen schauen. Da sie so laut ist, ist es für mich schwierig, Hausaufgaben zu machen. Vor allem kann und will sie mir nicht helfen. Sie weiss gar nicht, was ich für Prüfungen habe. Es ist durch diese laute Musik auch schwierig, sich zu konzentrieren. Ich bin oft verzweifelt, weil es immer wieder um die Versetzung in die nächste Klasse geht. Wir ziehen viel um. Ich habe immer sehr schlechte Noten in der Schule, habe keine Freunde, denn ich kann und darf nie jemanden nach Hause nehmen. Ich kann keine Geburtstagsfeier bei mir zuhause machen.

In der Freizeit, in der andere sich treffen, spielen, irgendwo hingehen, mache ich den Haushalt. Ich putze, wasche, kaufe Kleinigkeiten ein. Ich muss selber für meine Hygiene schauen. Selber schauen, wann ich frische Kleider anziehe. Dabei habe ich aber nur zwei Pullover im Winter zur Verfügung, muss auch immer die Kleider meiner Mutter nachtragen. Ich habe keine Jeans, nur Stoffhosen. Sie trägt Levi’s, Wrangler, Lee Cooper, geht zum Coiffeur. Mir schneidet sie die Haare im Suff. Es ist zu teuer. Die Menstruation ist für sie etwas Schmutziges. Ich erfahre erst später in der Schule, warum ich das habe.

Vor allem abends eskaliert die Situation ständig. Manchmal geht sie einfach weg, schliesst mich ein. Ich habe Panik, weil ich nicht weiss, wann sie wiederkommt. Manchmal lässt sie meine Türe auch offen. Obwohl sie verheiratet ist (mein Stiefvater aber viel auf Geschäftsreise ist) sind immer fremde Männer bei uns zu Hause. Sie schleichen morgens heimlich raus.

Sie ist peinlich, rennt manchmal nackt, schreiend aus dem Haus. Die Polizei wird gerufen. Sie wird zwangseingewiesen, eine sogenannt «Fürsorgliche Unterbringung».

Wenn sie in der Klinik ist, ist das für mich „wie Ferien“, aber ich besuche sie täglich nach der Schule in der geschlossenen Abteilung. Wie ein Roboter läuft sie durch die Gänge und wartet, bis ich komme. Sie spricht nichts, weil sie viele Psychopharmaka eingenommen hat. Manchmal hat sie Kurzaufenthalte, dann sind die Intervalle klein, bis sie wieder eingeliefert wird, manchmal länger, in denen ich mich etwas erholen kann. Ich kann nachts nie ruhig schlafen.

Die Nacht ist für mich täglich eine Herausforderung: Plötzlich platzt sie total betrunken ins Zimmer, meistens aggressiv und unkontrolliert. Ich habe unglaublich Angst, weil ich nicht weiss, was sie mir antut. Schlägt sie mich, kommt sie mit dem Hammer oder Messer auf mich los?

Mit zunehmendem Alter muss ich sie jeweils in der Kneipe nach Wirteschluss holen. Sie sträubt und wehrt sich. Betrunken pöbelt sie mich und alle anderen Menschen an, was für mich sehr peinlich ist. Es ist niemand da, der mir hilft. Zuhause bin ich wieder mit ihr alleine. Sie ist total unberechenbar.

Wenn sie Bier mit Schnaps und Benzodiazepinen kombiniert, dann erbricht sie, fällt zusammen, und ich muss das Erbrochene aufputzen. Den Notarzt rufen, weil sie so Kopfschmerzen hat. Sie helfen ihr, mir aber nicht.

Es ist eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen. Keine Sicherheit, keine Stabilität, viel Angst.

Suna Lommen, 24. November 2018

Kinder, die mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen, sind vielen Belastungen ausgesetzt. Die Krankheit bestimmt den Alltag und vereinnahmt die Eltern. Die nationale Aktionswoche vom 11.-17. Februar gibt betroffenen Kindern eine Stimme. Landauf, landab haben Suchtfachstellen Anlässe auf die Beine gestellt. Ein Blick nach Bern.

Was sie sagt, kontrastiert zur ruhigen Art, wie sie es sagt. Sandra (Name geändert) spricht überlegt, sie erzählt ihre Geschichte nicht zum ersten Mal. Was sie zu sagen hat, geht einem unter die Haut. «Der Alkohol veränderte meinen Vater. Ich war es mir gewohnt, dass er plötzlich aggressiv wurde und zeitweise zuschlug», sagt die heute 48-Jährige vierfache Mutter. Die schwierige Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer psychisch kranken Mutter ist Teil ihrer Biografie – ein Teil, der sie im späteren Leben einholte. Vor zwölf Jahren erlitt sie eine Depression. Dank guter Unterstützung fand sie zurück ins Leben. Es ist ihr ein Anliegen, ihre Erfahrungen weiter zu geben, das schwierige Thema anzusprechen, damit Alkoholprobleme in der Familie nicht länger ein Tabu bleiben. Deshalb hat sie auch die Ausbildung zur Genesungsbegleiterin (auch Peers genannt) gemacht. Peers sind Menschen, die Erfahrungen mit ihrer Erkrankung und ihrem Genesungsweg anderen Betroffenen als Hilfe zur Verfügung stellen. Sie liebt ihre Arbeit und den Kontakt mit Kindern und Familien – als Kindergärtnerin sowie auch in ihrer Tätigkeit als Peer.

Von aussen die perfekte Familie

«Als Kind vermisste ich die Unbeschwertheit und dass mir jemand die Verantwortung abgenommen hätte». Ausserhalb des engsten Familienkreises ahnte niemand von der Not der Kinder, der unberechenbaren Stimmung, den Ausbrüchen des Vaters. Sandra und ihr Bruder kannten nichts Anderes. Der Vater war ein angesehener Geschäftsmann und gegen aussen wirkte die Familie intakt. Die kleine Sandra hat sich angepasst, hat ausgeglichen und wollte zwischen den Eltern vermitteln. Sie versuchte, mit ihren Sorgen zurecht zu kommen. Das Trinken des Vaters hat sie gegen aussen nicht angesprochen. In ständiger Alarmbereitschaft hatte sie immer wieder Angst, dass der Vater ihrer Mutter etwas antun könnte. «Er war selber ein Kind eines alkoholabhängigen Vaters und er wollte alles selber schaffen. Hilfe zu holen, kannte er nicht», erklärt Sandra, die ihren Vater fürchtete und gleichzeitig liebte. Er starb früh an den schweren Folgen der Alkoholsucht.

Aktionswoche will Kindern eine Stimme geben

Während der nationalen Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern vom 11.-17. Februar spricht Sandra über ihre Geschichte. Sie tat dies in Bern im Rahmen der Ausstellung Sicht auf Sucht im Kulturzentrum Progr. Gut 170 Berufsschülerinnen und -schüler besuchen die Ausstellung während der Aktionswoche, sagt Iwan Reinhard von der Stiftung aebi-hus am Medien Z’Morge mit Gemeinderätin Franziska Teuscher, die das Matronat der Aktionswoche in Bern innehält. Die Berner Veranstaltungen finden als Kooperation verschiedener Fachinstitutionen statt. Das Engagement für betroffene Familien zu vernetzten, ist äusserst wichtig – darin sind sich die Fachleute einig.
Auch andere Betroffene blicken in ihre schwierige Kindheit zurück. Sie sind nicht allein. Schätzungen zufolge wachsen 100’000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Nur eine Minderheit der betroffenen Eltern sind in Behandlung und noch weniger Kinder werden frühzeitig unterstützt. «Der Nachholbedarf ist noch gross», erklärt Renate Bichsel. Die Psychologin und Psychotherapeutin hat pro Jahr Einblick in etwa 15 Familien. Die Arbeit mit Kindern aus suchtbetroffenen Familien im Auftrag des Blauen Kreuzes liegt ihr am Herzen. «Die Kinder sind dankbar für die Offenheit und sie sind froh, über die Situation zu Hause sprechen zu können», betont Renate Bichsel. Es sei wichtig, mit den Kindern die Schwierigkeiten und Nöte zu benennen und sie so zu entlasten. Es bräuchte noch mehr Angebote für diese Kinder, sagt die Fachfrau. Gleichzeitig sei es schwierig, diese Kinder zu erreichen. Dies gelingt meist nur, wenn der suchtkranke Elternteil in Behandlung ist und die Situation des Kindes zur Sprache kommt oder wenn der nicht suchtkranke Elternteil fachliche Unterstützung für das Kind holt.

«Es war eine Kindheit in Alarmbereitschaft».
«Als Kind übernahm ich viel zu viel Verantwortung und wollte die Familie zusammenhalten».
«Ich vermisste die Unbeschwertheit». (Sandra (48), Name geändert)
«Die Eltern ahnen oft nicht, wie stark die Kinder leiden». (Renate Bichsel, Beraterin)
«Die Kinder sind angepasst und die Eltern sind von den eigenen Problemen stark vereinnahmt». (Renate Bichsel)

 

Ein Wohnzimmer im fahlen Morgenlicht. Kinderspielzeug und Alkoholflaschen fallen ins Auge. Die Ausstellung «Sicht auf Sucht» in Bern zeigt, was für 100’000 Kinder daheim Realität ist.

Erklärungen in Wort und Schrift.