Videosequenzen: Ein Elternteil von dir trinkt zuviel?

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Erfahrungsberichte

Eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen: Tagesablauf mit einer alkoholkranken Mutter – Erfahrungsbericht (hauptsächlich das Alter zwischen 9 und 16 Jahren betreffend)

Ich wecke mich morgens selber, mache mein Frühstück alleine, dann gehe ich zur Schule.

Mittags ist es unterschiedlich: Manchmal ist niemand zuhause, dann muss ich mein Mittagessen alleine zubereiten mit dem, was da ist. Manchmal ist meine Mutter zu Hause, aber schon total betrunken und hört laute Musik, telefoniert, oder schreit mich grundlos an. Ich habe von Anfang an Angst, weil ich nicht weiss, was jetzt noch alles kommt… Ich muss selber schauen, wann ich wieder in der Schule sein muss. Manchmal muss ich meine Mutter massieren, ihre Füsse feilen, Brot und Bier holen, dann wieder in die Schule. Manchmal gibt es nichts zu essen.

Ihre Wut kommt in der Regel plötzlich, ihre Schläge sind grundlos, dazu paranoide Gedanken, dass ich mit anderen Menschen gegen sie sein oder sie verraten könnte. Sie ist mir gegenüber völlig unkontrolliert, ihre Handlungen grundlos.

Ich muss selber für mein Nachtessen schauen. Da sie so laut ist, ist es für mich schwierig, Hausaufgaben zu machen. Vor allem kann und will sie mir nicht helfen. Sie weiss gar nicht, was ich für Prüfungen habe. Es ist durch diese laute Musik auch schwierig, sich zu konzentrieren. Ich bin oft verzweifelt, weil es immer wieder um die Versetzung in die nächste Klasse geht. Wir ziehen viel um. Ich habe immer sehr schlechte Noten in der Schule, habe keine Freunde, denn ich kann und darf nie jemanden nach Hause nehmen. Ich kann keine Geburtstagsfeier bei mir zuhause machen.

In der Freizeit, in der andere sich treffen, spielen, irgendwo hingehen, mache ich den Haushalt. Ich putze, wasche, kaufe Kleinigkeiten ein. Ich muss selber für meine Hygiene schauen. Selber schauen, wann ich frische Kleider anziehe. Dabei habe ich aber nur zwei Pullover im Winter zur Verfügung, muss auch immer die Kleider meiner Mutter nachtragen. Ich habe keine Jeans, nur Stoffhosen. Sie trägt Levi’s, Wrangler, Lee Cooper, geht zum Coiffeur. Mir schneidet sie die Haare im Suff. Es ist zu teuer. Die Menstruation ist für sie etwas Schmutziges. Ich erfahre erst später in der Schule, warum ich das habe.

Vor allem abends eskaliert die Situation ständig. Manchmal geht sie einfach weg, schliesst mich ein. Ich habe Panik, weil ich nicht weiss, wann sie wiederkommt. Manchmal lässt sie meine Türe auch offen. Obwohl sie verheiratet ist (mein Stiefvater aber viel auf Geschäftsreise ist) sind immer fremde Männer bei uns zu Hause. Sie schleichen morgens heimlich raus.

Sie ist peinlich, rennt manchmal nackt, schreiend aus dem Haus. Die Polizei wird gerufen. Sie wird zwangseingewiesen, eine sogenannt «Fürsorgliche Unterbringung».

Wenn sie in der Klinik ist, ist das für mich „wie Ferien“, aber ich besuche sie täglich nach der Schule in der geschlossenen Abteilung. Wie ein Roboter läuft sie durch die Gänge und wartet, bis ich komme. Sie spricht nichts, weil sie viele Psychopharmaka eingenommen hat. Manchmal hat sie Kurzaufenthalte, dann sind die Intervalle klein, bis sie wieder eingeliefert wird, manchmal länger, in denen ich mich etwas erholen kann. Ich kann nachts nie ruhig schlafen.

Die Nacht ist für mich täglich eine Herausforderung: Plötzlich platzt sie total betrunken ins Zimmer, meistens aggressiv und unkontrolliert. Ich habe unglaublich Angst, weil ich nicht weiss, was sie mir antut. Schlägt sie mich, kommt sie mit dem Hammer oder Messer auf mich los?

Mit zunehmendem Alter muss ich sie jeweils in der Kneipe nach Wirteschluss holen. Sie sträubt und wehrt sich. Betrunken pöbelt sie mich und alle anderen Menschen an, was für mich sehr peinlich ist. Es ist niemand da, der mir hilft. Zuhause bin ich wieder mit ihr alleine. Sie ist total unberechenbar.

Wenn sie Bier mit Schnaps und Benzodiazepinen kombiniert, dann erbricht sie, fällt zusammen, und ich muss das Erbrochene aufputzen. Den Notarzt rufen, weil sie so Kopfschmerzen hat. Sie helfen ihr, mir aber nicht.

Es ist eine Kindheit und Jugendzeit ohne Strukturen. Keine Sicherheit, keine Stabilität, viel Angst.

Suna Lommen, 24. November 2018

Kinder, die mit einem suchtkranken Elternteil aufwachsen, sind vielen Belastungen ausgesetzt. Die Krankheit bestimmt den Alltag und vereinnahmt die Eltern. Die nationale Aktionswoche vom 11.-17. Februar gibt betroffenen Kindern eine Stimme. Landauf, landab haben Suchtfachstellen Anlässe auf die Beine gestellt. Ein Blick nach Bern.

Was sie sagt, kontrastiert zur ruhigen Art, wie sie es sagt. Sandra (Name geändert) spricht überlegt, sie erzählt ihre Geschichte nicht zum ersten Mal. Was sie zu sagen hat, geht einem unter die Haut. «Der Alkohol veränderte meinen Vater. Ich war es mir gewohnt, dass er plötzlich aggressiv wurde und zeitweise zuschlug», sagt die heute 48-Jährige vierfache Mutter. Die schwierige Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer psychisch kranken Mutter ist Teil ihrer Biografie – ein Teil, der sie im späteren Leben einholte. Vor zwölf Jahren erlitt sie eine Depression. Dank guter Unterstützung fand sie zurück ins Leben. Es ist ihr ein Anliegen, ihre Erfahrungen weiter zu geben, das schwierige Thema anzusprechen, damit Alkoholprobleme in der Familie nicht länger ein Tabu bleiben. Deshalb hat sie auch die Ausbildung zur Genesungsbegleiterin (auch Peers genannt) gemacht. Peers sind Menschen, die Erfahrungen mit ihrer Erkrankung und ihrem Genesungsweg anderen Betroffenen als Hilfe zur Verfügung stellen. Sie liebt ihre Arbeit und den Kontakt mit Kindern und Familien – als Kindergärtnerin sowie auch in ihrer Tätigkeit als Peer.

Von aussen die perfekte Familie

«Als Kind vermisste ich die Unbeschwertheit und dass mir jemand die Verantwortung abgenommen hätte». Ausserhalb des engsten Familienkreises ahnte niemand von der Not der Kinder, der unberechenbaren Stimmung, den Ausbrüchen des Vaters. Sandra und ihr Bruder kannten nichts Anderes. Der Vater war ein angesehener Geschäftsmann und gegen aussen wirkte die Familie intakt. Die kleine Sandra hat sich angepasst, hat ausgeglichen und wollte zwischen den Eltern vermitteln. Sie versuchte, mit ihren Sorgen zurecht zu kommen. Das Trinken des Vaters hat sie gegen aussen nicht angesprochen. In ständiger Alarmbereitschaft hatte sie immer wieder Angst, dass der Vater ihrer Mutter etwas antun könnte. «Er war selber ein Kind eines alkoholabhängigen Vaters und er wollte alles selber schaffen. Hilfe zu holen, kannte er nicht», erklärt Sandra, die ihren Vater fürchtete und gleichzeitig liebte. Er starb früh an den schweren Folgen der Alkoholsucht.

Aktionswoche will Kindern eine Stimme geben

Während der nationalen Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern vom 11.-17. Februar spricht Sandra über ihre Geschichte. Sie tat dies in Bern im Rahmen der Ausstellung Sicht auf Sucht im Kulturzentrum Progr. Gut 170 Berufsschülerinnen und -schüler besuchen die Ausstellung während der Aktionswoche, sagt Iwan Reinhard von der Stiftung aebi-hus am Medien Z’Morge mit Gemeinderätin Franziska Teuscher, die das Matronat der Aktionswoche in Bern innehält. Die Berner Veranstaltungen finden als Kooperation verschiedener Fachinstitutionen statt. Das Engagement für betroffene Familien zu vernetzten, ist äusserst wichtig – darin sind sich die Fachleute einig.
Auch andere Betroffene blicken in ihre schwierige Kindheit zurück. Sie sind nicht allein. Schätzungen zufolge wachsen 100’000 Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Nur eine Minderheit der betroffenen Eltern sind in Behandlung und noch weniger Kinder werden frühzeitig unterstützt. «Der Nachholbedarf ist noch gross», erklärt Renate Bichsel. Die Psychologin und Psychotherapeutin hat pro Jahr Einblick in etwa 15 Familien. Die Arbeit mit Kindern aus suchtbetroffenen Familien im Auftrag des Blauen Kreuzes liegt ihr am Herzen. «Die Kinder sind dankbar für die Offenheit und sie sind froh, über die Situation zu Hause sprechen zu können», betont Renate Bichsel. Es sei wichtig, mit den Kindern die Schwierigkeiten und Nöte zu benennen und sie so zu entlasten. Es bräuchte noch mehr Angebote für diese Kinder, sagt die Fachfrau. Gleichzeitig sei es schwierig, diese Kinder zu erreichen. Dies gelingt meist nur, wenn der suchtkranke Elternteil in Behandlung ist und die Situation des Kindes zur Sprache kommt oder wenn der nicht suchtkranke Elternteil fachliche Unterstützung für das Kind holt.

«Es war eine Kindheit in Alarmbereitschaft».
«Als Kind übernahm ich viel zu viel Verantwortung und wollte die Familie zusammenhalten».
«Ich vermisste die Unbeschwertheit». (Sandra (48), Name geändert)
«Die Eltern ahnen oft nicht, wie stark die Kinder leiden». (Renate Bichsel, Beraterin)
«Die Kinder sind angepasst und die Eltern sind von den eigenen Problemen stark vereinnahmt». (Renate Bichsel)

 

Ein Wohnzimmer im fahlen Morgenlicht. Kinderspielzeug und Alkoholflaschen fallen ins Auge. Die Ausstellung «Sicht auf Sucht» in Bern zeigt, was für 100’000 Kinder daheim Realität ist.

Erklärungen in Wort und Schrift.